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Berverath

Das wahrscheinlich letzte vom
Tagebau Garzweiler betroffene Dorf

Das kleine Dorf Berverath liegt östlich von Erkelenz mitten im zukünftigen Abbaugebiet von Garzweiler II. Die gemeinsame Umsiedlung des Ortes zusammen mit Keyenberg, Kuckum und Ober- und Unterwestrich begann 2016 und soll 2028 abgeschlossen sein. Der Tagebau wird Berverath nach aktueller Planung ungefähr im Jahr 2030 erreichen.
Berverath ist sehr bäuerlich geprägt. Fünf Hofanlagen aus dem 18. und 19.Jahrhundert stehen unter Denkmalschutz. Weitere Denkmäler in Berverath sind ein Wegkreuz und die in der Dorfmitte gelegene Kapelle von 1909.

Zeitleiste Umsiedlung Berverath, Keyenberg, Kuckum & Westrich

Planung der Umsiedlung wird konkret
Der Braunkohleausschuss beschließt für den kommenden Umsiedlungsabschnitt (Keyenberg, Kuckum, Oberwestrich, Unterwestrich, Berverath) zwei Braunkohlepläne erstellen zu lassen, einen für Keyenberg, einen für die restlichen Orte. Damit haben die Bewohner die Möglichkeit, sich noch zu entscheiden, ob die fünf Orte gemeinsam Umsiedeln wollen, oder in zwei getrennten Verfahren.
Umsiedlungsstandort wird gesucht
In einem Verfahren unter Beteiligung der Bevölkerung der Orte wird ein Umsiedlungsstandort gesucht. Dazu werden sieben Suchräume definiert, welche in öffentlichen Workshops vorgestellt und diskutiert werden.
Wahl des neuen Standortes
Am 25. November 2012 wählen die Bewohner der fünf Dörfer in geheimer Wahl den Standort ihres neuen Dorfes: Erkelenz-Nord. Von 1345 Wahlberechtigten haben 874 gewählt, das entspricht einer Wahlbeteiligung von 63%. 564 Stimmberechtigte haben sich für den Standort Erkelenz-Nord entschieden, dies sind 66,7%.
Planung des neuen Ortes
In diversen Bürgerforen und Befragungen wird die Ausgestaltung des neuen Ortes konkretisiert.
Baubeginn Neu-Keyenberg
Im April 2016 erfolgt der erste Spatenstich für den neuen Ort. Im Mai ist Baubeginn für die Infrastruktur des Ortes: Kanäle, Leitungen, Straßen etc.
Beginn der Umsiedlung
Beginn der gemeinsamen Umsiedlung von Keyenberg, Kuckum, Oberwestrich, Unterwestrich und Berverath. Die Bewohner der Dörfer haben damit "Umsiedlerstatus".
Entwurf Kirche vorgestellt
Die Pläne für die neue Kirche von Neu-Keyenberg werden vorgestellt. Dieser Neubau ersetzt sowohl die Kirchen von Keyenberg und Kuckum als auch die Kapelle von Berverath. Elemente der alten Gebäude sollen sich im Neubau wiederfinden: Teile der Fenster, einzelne Einrichtungsgegenstände und Steine aus dem Mauerwerk. Baubeginn ist wahrscheinlich im Sommer 2020. Foto: Dewey & Blohm-Schröder Architekt.
Kirchen verkauft
Die Kirchen von Keyenberg und Kuckum und die Kapelle Berverath werden von der Pfarrei Christkönig an RWE verkauft. Die Initiative "Alle Dörfer bleiben" hatte 3000 Unterschriften gegen den Kirchenverkauf gesammelt.
Abriss von Keyenberg
Nach aktueller Planung wird der Tagebau Keyenberg ca. 2023 erreichen.
Abriss von Kuckum & Westrich
Nach aktueller Planung wird der Tagebau Kuckum, Ober- und Unterwestrich ca. 2027 erreichen.
Abriss von Berverath
Nach aktueller Planung wird der Tagebau Berverath ca. 2028 erreichen.
16.09.2010
2010 bis 2012
25.11.2012
2012 bis 2015
09.04.2016
01.12.2016
23.03.2018
16.09.2019
ca. 2020 bis 2023
ca. 2020 bis 2027
ca. 2020 bis 2028

Alle Grafiken/Karten in der Zeitleiste: Stadt Erkelenz

Die Kapelle von Berverath wurde 1909 von Joseph Jansen auf seinem Privatgrundstück erbaut. Am 6. Mai 1912 schenke er seine Kapelle der Pfarre Keyenberg, diese nahm im August 1913 diese Schenkung an. Ab 1921 war das Durchführen von Messen in der Kapelle erlaubt.

Berverath wird zusammen mit Keyenberg, Kuckum, Oberwestrich und Unterwestrich umgesiedelt und erhält am neuen Ort keine eigene Kapelle. Stattdessen wird eine Gemeinschaftskirche aller fünf Dörfer errichtet. Aus der Kapelle Berverath wird wahrscheinlich das Rundfenster über dem Eingang und die Taufbank mitgenommen.

Britta Kox

Britta Kox ist erst 2015 wieder in ihr Elternhaus nach Berverath gezogen. Sie ist in Immerath (alt) geboren und in Berverath aufgewachsen. Sie ist davon überzeugt, dass es noch eine Chance gibt, dass Berverath und die anderen Orte gerettet werden könnten.

Einen weiteren Teil des Interviews findet du auf der Seite „Wie funktioniert eine Umsiedlung“.

Bitte stellen Sie sich einmal vor.

Mein Name ist Britta Kox. Ich bin 47 Jahre alt und wir sind hier in Berverath in meinem wunderschönen Haus mit wunderschönem Garten. Ich bin in Immerath geboren, im Krankenhaus, wie fast jeder meiner Generation. Ich habe hier schon immer gelebt, habe meine ganze Kindheit und Jugend hier verbracht, bin aber mit 18 Jahren weggezogen, wie das so ist, man lernt jemanden kennen, man zieht aus, man bleibt eine Zeit lang weg. Im Endeffekt bin ich acht Mal umgezogen und immer wieder zurück nach Berverath – vier Mal bin ich zurück gezogen. Das letzte Mal war 2015, da sind wir dann mit den Kindern komplett hierhin gezogen und haben gesagt: „So, jetzt bleiben wir, wir wollen bleiben und wir machen keinen Schritt mehr von hier weg.“

Als Sie hierher gezogen sind, war schon klar, dass Berverath abgebaggert wird. Wie kam es zu dieser Entscheidung?

Es war in dem Sinne ein bewusster Schritt, weil meine Eltern einfach die Kraft nicht mehr hatten. Meine Eltern hatten nicht mehr die Kraft hier weiter wohnen zu bleiben; die haben ja immer hier gewohnt und haben dann irgendwann gesagt: „Gut, jetzt ist Sense. Wir kommen nicht mehr weiter. Uns wird das zu viel hier. Das Haus ist zu groß für zwei Personen.“ Wir suchten was Neues für unsere sechsköpfige Familie und mein Vater sagte: „Gut, dann zieht ihr doch da ein und wir ziehen weg und du kämpfst für uns weiter und du kümmerst dich darum und machst die Verhandlungen mit RWE, wenn es denn so sein sollte. Du hast mehr Kraft als wir.“ Und das war der Hauptgrund. Wir haben uns dann gesagt: „Okay, die zehn oder zwölf Jahre, dreizehn Jahre im Endeffekt, haben wir noch ein schönes Leben an diesem Ort, wo ich geboren wurde und meine Kinder können auch noch alles erleben, was ich hier damals erlebt habe.“

Wie ist Ihre Verbindung zu Berverath?

Also meine Verbindung zu diesem Ort ist einfach zu erklären: Wir sind seit Jahrhunderten vor Ort. Meine ganze Familie hat immer schon hier gelebt. Meine Urgroßmutter hat hier in diesem Haus mit vierzehn Kindern zusammengelebt und das Haus nach dem Krieg alleine wiederaufgebaut und sie hat uns hier ein schützendes Dach, ein Heim, geschaffen und das ist auch mit ein Grund, warum ich sage, dieses Haus hat Seele. Aus meiner Familie haben hier schon so viele Menschen gelebt. Das Haus hat Seele; das ganze Dorf hat Seele. Wir haben hier als Kinder unheimlich viel gespielt. Wir hatten hier Banden. Das Oberdorf und das Unterdorf hat sich bekämpft, spielerisch bekämpft. Es gab Schätze, die vergraben wurden, die geklaut wurden von der anderen Gruppe und ja, das sind einfach Dinge, die man nicht loslassen möchte. Jedes Haus hat irgendeine Erinnerung. Wenn ich hier durch das Dorf gehe, ist jedes Haus voller Erinnerungen. Sobald ich dieses Haus sehe, weiß ich, da habe ich das und das angestellt, da bin ich durch die Strohmiete beim Bauern gekrochen und das sind Dinge, die habe ich am neuen Ort nicht, die verbinde ich nur mit hier. In Keyenberg und Immerath haben Freunde von mir gewohnt, und in Immerath bin ich auch zur Schule gegangen. Hinter der Kirche in Keyenberg habe ich meinen Mann zum ersten Mal geküsst. Ich bin heute Morgen dort gewesen und habe nochmal die Ecke gesehen und man hat wahnsinnig viele Erinnerungen; Erinnerungspunkte, die einem weggerissen werden und es sind schon ganz viele Erinnerungspunkte verschwunden und ich möchte nicht noch mehr verschwinden sehen.

Wie geht es den Menschen in den neuen Orten?

Ja, das ist zweigeteilt. Die einen sagen: „Okay, ich habe es hinter mir gelassen.“ Die sagen: „Okay, ich habe mich mit dem Neuen abgefunden“, aber es kommen auch immer wieder Stimmen hoch, gerade von älteren Menschen, die sagen: „Am Anfang war es wie Urlaub und irgendwann hat man aber das Gefühl, man möchte wieder nach Hause, aber das zu Hause ist nicht mehr da.“ Und das sind Dinge, die ich gar nicht erleben möchte. Jeder Mensch entscheidet für sich selber, ob er gehen oder bleiben möchte und jeder Mensch hat seine Beweggründe. Es gibt die älteren Leute, die sagen: „Ich habe nicht mehr die Zeit zu warten. Ich habe die Kraft nicht mehr. Ich bin siebzig Jahre alt. Wenn ich jetzt nicht baue, wann dann? Wenn ich jetzt nicht neu anfange, wann dann? Die Zeit läuft. Die Zeit läuft einem davon.“ Jüngere haben eher die Möglichkeit zu sagen: „Okay, ich warte ab, was noch kommt.“, aber die Älteren haben diese Möglichkeit nicht mehr. Wir sind seit vierzig Jahren darauf geprägt umzusiedeln. Seit vierzig Jahren wird uns gesagt: „Ihr müsst, ihr müsst, ihr müsst“, und irgendwann kommt man aus diesem Kreislauf einfach nicht mehr raus. Das ist einfach so. Und die Erfahrung zeigt mir, dass es Menschen gibt, die sagen: „Okay, für uns ist das gut. Wir haben damit abgeschlossen.“ Aber es gibt auch Menschen, die sehr, sehr traurig darüber sind. Und manche gehen. Es gibt Menschen, die gehen. Es hat Menschen gegeben in Keyenberg, die Verhandlungen mit RWE geführt haben; die sind nach Hause gekommen und tot umgefallen, weil es einfach eine zu starke nervliche Belastung ist und das ist traurig, dass so etwas passieren muss.

Manche Bewohner haben sich mit ihrem Schicksal abgefunden, andere wehren sich gegen die Umsiedlung. Was macht das mit der Dorfgemeinschaft?

Ich kann jetzt hier nur von Berverath reden. Im Moment ist es relativ ruhig und relativ friedlich. Ich habe noch nicht die Erfahrung gemacht, dass irgendjemand nicht mehr mit mir redet. Im Gegenteil. Aber es wird halt nicht über das Thema geredet. Wenn man darüber redet, dann darum herum, das ist aber schon seit Ewigkeiten so. Und das finde ich eigentlich traurig, weil ich glaube, wenn man miteinander reden würde, egal ob man dagegen oder dafür ist, wenn man miteinander redet, dann hat man viel mehr Möglichkeiten. Ja, ich sage jetzt einfach mal: Wenn der eine sagt von wegen: „Ja, okay. Ich habe jetzt die Verhandlung hinter mir und es ist so und so gelaufen und der und der Gutachter war gut und und und…“, man kann auch diese Erfahrung miteinander tauschen, aber das fehlt. Das fehlt total. Das ist immer schon so gewesen, weil man auch einfach nicht sagen will, was man für sein Haus bekommen hat. Man muss ja schweigen. Man darf es ja gar nicht sagen. Und das finde ich eigentlich sehr traurig. Ansonsten geht man trotzdem immer noch nett miteinander um und die Erfahrung sagt mir, wenn man mit Leuten redet, die sich dazu entschieden haben, umzusiedeln, dann kommt höchstens: „Ja, du musst auch verstehen, bei uns geht es halt im Moment nicht anders. Wir haben uns dafür entschieden.“ Und das respektiere ich auch voll und ganz, weil, wie gesagt: Jeder hat seine eigenen Beweggründe zu gehen oder zu bleiben.

Gibt es noch eine Chance für Berverath?

Ja, ich glaube definitiv, dass es noch eine Chance gibt, dass Berverath gerettet wird. Ich glaube schon, dass es da zu einer Veränderung kommen wird und dass irgendwann die Landesregierung und auch RWE einsieht, dass es nicht mehr notwendig ist, die Kohle hier rauszuholen. Wir haben definitiv eine Verkürzung der Kohleverstromung bis 2038. Sieben Jahre weniger. Dementsprechend muss auch, meiner Meinung nach, das Gebiet um sieben Jahre verkleinert werden. Da wird aber nichts getan. 2016 im Frühjahr ist verkleinert worden. Da gab es eine neue Leitentscheidung. Dackweiler Siedlung und Holzweiler sind aus der Planung herausgenommen worden und trotzdem reichte die Kohle angeblich bis 2045. Jetzt sagen sie, sie müssen alles wegbaggern, um bis 2038 auszukommen. Gut, ich hatte in Mathe nur eine Zwei, aber mein mathematisches Verständnis sagt mir, dass die Kohle bis 2038 reichen muss, auch wenn sie die Dörfer und den Hambacher Wald stehen lassen. Es haben auch diverse Gutachten ergeben, dass noch ausreichend Kohle bis nach 2038 zur Verfügung steht. Warum dann noch? Das frage ich mich. Warum muss es sein und warum kann es da keine neue Regelung geben? Warum wird da nicht einfach mal darüber nachgedacht?

Falls es so weit kommen sollte:
Schauen Sie sich den Abriss Ihres Hauses an?

Ja, das habe ich immer gesagt. Ich möchte sehen, wie das Haus abgerissen wird. Weil wenn ich es abgeben muss, möchte ich auch damit abschließen können. Es ist wie eine Beerdigung. Wenn ein geliebter Mensch stirbt, geht man zur Beerdigung und sieht zu, wie der Mensch ins Grab herabgelassen wird und genauso ist es für mich mit meinem Haus. Wenn das Haus sterben muss, dann will ich dabei sein.

Berverath ist wahrscheinlich der letzte Ort, der abgebaggert wird. Wie frustrierend ist das?

Ja, das war 2016. Da war es schon sehr frustrierend, als dann die Leitentscheidung kam, dass Holzweiler stehen bleibt. Wo wir dann gesagt haben: „Das kann doch nicht sein, dass die nur diese zwei Orte rausnehmen. Warum gehen die nicht noch ein Stückchen weiter?“ Klar hat man dann das Gefühl, dass es doch nur ein paar Meter sind. Für diese paar Meter könnten die doch Berverath auch verschonen. Ich fand es aber trotzdem falsch, nur den einen oder die zwei Orte zu verschonen. Wenn dann hätte man Nägel mit Köpfen machen sollen. Dann hätte man auch vernünftig ausrechnen sollen, wie lange man noch braucht. Und es war ja nun mal vorauszusehen, dass sich noch irgendwas tut, dass noch in irgendeiner Weise ein Umdenken stattfindet, dass der Kohleausstieg eher kommt. Das war damals schon voraussehbar. Und da hätte man eigentlich schon mal vernünftig darüber reden und planen müssen und sagen können: „Okay, wir stoppen jetzt die ganze Sache erst mal.“ Man hätte 2016 eigentlich erst mal alles stoppen müssen und dann abwarten und ausrechnen müssen: Wie viel Kohle brauchen wir noch? Wie weit kommen wir damit? Wie sieht es mit dem Kohleausstieg aus? Und dann hätte man nochmal neu planen müssen, bevor man uns Menschen hier – und wir sind Menschen – das hier antut. Wie ich so schön sagte bei einer Rede: „Seit dem 01.12.2016 sind wir keine Menschen mehr. Seitdem sind wir nur noch Umsiedler.“ So werden wir auch behandelt. Wenn man über uns redet, redet man über Umsiedler; nicht mehr darüber, was wir eigentlich sind. Und das ist sehr, sehr traurig.

Zwölf Dörfer werden für den Tagebau abgerissen

Fünf Dörfer wurden bereits komplett zerstört, von einem ist fast nichts mehr über und sechs weitere werden zur Zeit umgesiedelt. Zwei bis drei Einzelhöfe, die endgültige Abbaugrenze ist noch nicht ganz sicher, werden gegen Ende des Tagebaus umgesiedelt werden.

X

Holz (alt)
† 2008

X

Pesch (alt)
† 2014

X

Otzenrath (alt)
† 2007

X

Spenrath (alt)
† 2013

X

Borschemich (alt)
† 2017

X

Borschemich (alt)
† 2017

X

Keyenberg (alt)
† 2023

X

Lützerath (alt)
† 2020

X

Immerath (alt)
† 2020

X

Kuckum (alt)
† 2027

X

Unterwestrich (alt)
† 2027

X

Oberwestrich (alt)
† 2027

X

Berverath (alt)
† 2028

X

Immerather Mühle
† 2018

X

Immerather Dom
† 2018

X

Kirche Keyenberg
† 2023

X

Eggerather Hof
† 2030

X

Roitzerhof
† 2035

X

Weyerhof
† 2035

X

Otzenrath (neu)
* 2001

X

Spenrath (neu)
* 2001

X

Holz (neu)
* 2001

X

Immerath (neu)
* 2006

X

Keyenberg & Kuckum (neu)
* 2016

X

Borschemich (neu)
* 2006